Mit 18 Jahren bin ich in die Gewerkschaft eingetreten. Damals war es noch die ÖTV, die dann 2001 mit anderen Gewerkschaften zur Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) fusionierte. Schon damals dachte ich, eine Gewerkschaft sollte es eigentlich besser wissen.
Heute bin ich nun fast 63 Jahre alt und musste mich zu einer harten Entscheidung, dem Austritt, durchringen.

Versteht mich nicht falsch! Gewerkschaft ist wichtig! Sogar entscheidend für Demokratie in „sozialer“ Marktwirtschaft. Deshalb würde ich auch jedem absolut empfehlen, in die für ihn zuständige Gewerkschaft zu gehen und für faire Arbeitsbedingungen und gute Tarifverträge zu kämpfen.

Auch ich habe über viele Jahrzehnte hart an der Seite vieler Gleichgesinnter gekämpft, gestreikt, gestritten, diskutiert und geworben.
Ich habe übergreifende Solidarität erlebt und bin nach sehr anstrengenden Streiktagen kaputt und zufrieden nach Hause gegangen.
Ja, es war eine tolle Zeit! Nie werde ich vergessen, wie man gemeinsam mit Bernd Riexinger, dem damaligen Gewerkschaftssekretär, im Gewerkschaftshaus saß und über notwendige Maßnahmen philosophierte.
Als Bernd dann 2012 Stuttgart Richtung Berlin wegen der „großen“ Politik verließ, veränderte sich ver.di in Stuttgart. Sie wurde braver, einige gingen in Rente und es kam zu einer Verjüngung. Dies wäre an für sich nicht schlecht, doch leider verlor sie dadurch auch das Kämpferische, den linken, sozialistischen Ansatz und den Mut. Die Gewerkschaft wurde bieder, verlangte von den Mitgliedern immer mehr Einsatz und verweigerte gleichzeitig den solidarischen Kampf.
Aktionen, die in anderen Ländern als verlängerte Mittagspause gelten, ersetzten Arbeitskämpfe, die den Namen auch verdienen. Kompromissbereitschaft auf Kosten der Arbeitnehmer. So zumindest empfand ich es.

Vorschläge, wie z. B. die Forderung von Festbeträgen, statt prozentualen Lohnerhöhungen, um mehr für die unteren Lohngruppen herauszuholen, wurden regelmäßig übergangen. Viele Entscheidungen ließen einen irgendwann vermuten, dass es sich vielmehr um Forderungen handelte, die die Gewerkschaftskasse füllen, statt Lohngerechtigkeit zu schaffen.

Und dann kam der Hammer: Nach dem Auslaufen der speziellen Tarifverträge (TVFlexAZ) Ende 2022 gab es keinen tariflichen Rechtsanspruch auf Altersteilzeit mehr!
Und natürlich ging ich fest davon aus, dass ver.di die Wiedereinführung des Rechtsanspruchs bei der Tarifrunde TVöD 2025/2026 massiv einfordert. Doch diese Chance wurde billig und ohne Not vertan!
Als Krankenpfleger bin ich, wie sehr viele meiner Kolleginnen und Kollegen, auf diese Möglichkeit angewiesen, möchte ich es gesund bis zum Ruhestand schaffen.
Und die verdammt lange Laufzeit des Tarifvertrages von 24 Monaten nahm mir dann auch jede Hoffnung, dass ich in meinem Alter noch irgendwie in „meiner“ Gewerkschaft zum Thema Altersgerechtigkeit Gehör finde.

Insgesamt vernachlässigt ver.di die Interessen der alten Menschen massiv! Im Gegenteil, durch die Anpassung des Urlaubsanspruches und den unterschiedlichen Eingruppierungen habe ich, der in einem multiprofessionellen Team arbeitet, jetzt mit 62 Jahren weniger Urlaub, als eine 25 jährige Sozialpädagogin! Ein bescheuerter und ungerechter Schwachsinn! Die notwendigen Interessen der Älteren werden einfach ignoriert!
Und natürlich würde jetzt die Gewerkschaft sagen, dass ich mehr dafür hätte kämpfen müssen. Aber mit Verlaub, ich thematisiere dieses Problem schon seit Jahren. Mit ver.di und dem zuständigen Personalrat. Aber passiert ist nichts!

Und zurück blieb Hoffnungslosigkeit und Wut!
Und deshalb musste ich diese Entscheidung treffen und den Schritt der Kündigung machen. Einerseits fiel es mir schwer, aber ein schlechtes Gewissen habe ich ganz sicher nicht.

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